A n n e l i e P o h l e n |
Ohne Titel
Jochen Lemperts Werk hat mit diesem Sammeln, also mit einer typisch wissenschaftlichen und auch einer typisch musealen Handlung, zu tun. Sammeln als wissenschaftliche und kulturelle Disziplin setzt voraus, daß man beobachtet, also ganz gezielt wahrnimmt, dieses zusammenträgt, versucht, Ordnung in dieser Sammlung zu erkennen und aus dieser Wahrnehmung heraus, Dinge nach rückwärts und nach vorausschauend zu entwickeln. Wenn man nur auf die in dieser Ausstellung präsentierte Ansammlung von Titelblättern des amerikanischen Wissenschaftlers Charles P. Alexander blickt würde man dies an anderer Stelle nicht als Kunst, sondern allenfalls als "Zettelwirtschaft" bezeichnen. Gut - Kopien auf dem Tisch sehen nicht so gut aus wie hier. Die Plazierung an der Wand verhilft ihnen zu einen unglaublichen Präsenz und man ist dann doch verführt, auf diese Titel zuzugehen. Und wenn man ehrlich ist, dann muß man sich zugestehen, daß man immer noch frappiert ist und sich die Frage stellt: "Welche Bedeutung hat das im Rahmen von Kunst?" Man muß auch mit dem Kunstvorbehalt hier hineingehen. Aber in dem Moment, wo es so präsentiert wird, und deshalb halte ich Präsentation auch für sehr wichtig, ist dieser Verweis auf einen Vorgang der Vergangenheit, auf eine Person, die diese Recherche ganz gezielt einem Kleinstlebewesen gewidmet hat, für unsere gängige Vorstellung von Millionen und Milliarden verschlingender Wissenschaft eine Herausforderung. Was heißt Wissenschaft, wenn man sie nicht zielgerichtet auf irgendein großes Ereignis hin richtet. Was bedeutet in diesem Zusammenhang in dieser Ausstellung der unter rein materiellen Gesichtspunkten banalste Gegenstand - andere Arbeiten sehen ja eher wie künstlerische Produkte aus? Diese Auseinandersetzung macht deutlich, was es mit dieser kreativen Wissenschaft von Künstlern tatsächlich auf sich hat. Es geht um eine elementare Strategie, um die Präzision eines Lebenswerkes, das sich über die Betrachtung einer elementaren Zelle der Erforschung einer lebendigen Existenz zuwendet. Diese Grundfrage läßt den Bezug zur Arbeit von Jochen Lempert deutlich werden auch dort, wo seine Formensprache opulentere Züge annimmt. Die Fotografie ist ein in allen Bereichen unserer Wahrnehmung wichtiges Instrument der Dokumentation. Also: Sammeln, archivieren, dokumentieren, untersuchen. Mittels seiner sehr eindringlichen Fotoarbeiten thematisiert Jochen Lempert in dieser Ausstellung diese Vorgehensweise eines kreativen Wissenschaftlers. Er 'dokumentiert' ein Archiv außen und innen. Gezeigt wird ein Eisschrank in einem Hamburger Forschungsinstitut, in dem die von einer Wissenschaftlerin untersuchten Onychophora genannten Lebewesen, eine Entwicklungsstufe zwischen Wurm und Insekt, eher Maden, 'überleben'. Wo in der zuvor betrachteten Serie der Kopien von Titelblättern die Erinnerung an die für wissenschaftliche Publikationen des 19. Jahrhunderts charakteristische Erscheinungsform in der ästhetischen Umsetzung eine unglaubliche Poesie erhält, ist es in den Fotoarbeiten das Papier also der Träger des Dokumentes im Zusammenwirken mit dem Bild-Dokument und der Plazierung im Raum, welcher die kreative Ausstrahlung bestimmt. Unterstrichen wird dies durch den handschriftlichen Text, der auf diesem altertümlich anmutenden Eisschrank auf den Inhalt verweist - und doch für die Mehrzahl der Betrachter rätselhaft bleibt wie jene Wesen, auf die sich das Interesse der Wissenschaftlerin richtet. Das Innere zeigt die zu erforschenden Lebewesen in Behältern, in denen üblicherweise in solchen Eisschränken auch eingeweckte Heringe oder Bohnen u.a. lagern könnten, auch diese wiederum vom Künstler per Hand beschriftet: erste Reihe aus Neu-Seeland, zweite Reihe aus Tasmanien. Die zwei Medien, die hier aufeinandertreffen - Fotografie und Schrift -, verleihen auf eine nachgerade beiläufige Weise der kreativen Untersuchung eine intensive emotional aufgeladene Präsenz. Dieses zusammengenommen, also die Porosität der Fotos, die Sensibilität der Handschrift und dann im räumlichen Bezug dazu die Kopien bewirken über die Inszenierung eine Raumstruktur, die auf verblüffende Weise die skulpturale Qualität des Werkes verstärkt. Die inhaltlichen Vorgehensweisen der Wissenschaftler treffen so auf Strategien, die wiederum künstlerischer Natur sind. Sie finden in jedem wissenschaftlichen Institut Zettel an der Wand. Sie finden in jedem wissenschaftlichen Institut Fotodokumente. Jedes wissenschaftliche Museum würde es so machen. Aber die Kriterien des Zusammentreffens wären völlig anderer Natur. Es wäre nicht mehr das Papier, es wäre nicht diese Art von Aufhängung, es wäre nicht dieses Ping-Pong zwischen der absolut flachen Kopie und einer räumliche Tief suggerierende Präsentation der Foto-Dokumente, deren poetische Suggestion verstärkt wird durch die Schrift, die ja ein Begriff oder ein Wort lanciert, den man, wenn man motiviert ist durch diese Arbeit, auch als einen Terminus aus der Wissenschaft identifizieren würde. Es wirkt zunächst einmal rätselhaft, poetisch, hat diese Touch des frühen Museums, der frühen Wissenschaft, des Sich-wunderns über das, was tatsächlich gegeben ist. Die kreative Wissenschaft des Künstlers wird in dieser Art von Präsentation deutlich. Sie finden in dieser Ausstellung eine für mich hochinteressante Werkgruppe, in der Jochen Lempert zum gegenwärtigen Zeitpunkt das weiterverarbeitet, was den Kern seiner wissenschaftlichen und künstlerischen Untersuchungen ausmacht: Was bedeutet Existenz? Was bedeutet Energie? Es geht um ein Forschungsprojekt über Windmühlen, Windkraftwerke auf dem Meer, es geht Luft, Wolken, Wasser, Energieaustausch, Lebewesen, also vor allem Zugvögel und ihre zukünftige Existenz zwischen den Energieträgern. So finden wir Skizzen und Fotoarbeiten mit Einzeichnungen, in welchen das mit der Kamera Festgehaltene - ein Vogelzug über der Meeresfläche - weiter fortgeführt wird durch minimalistische zeichnerische Eingriffe, welche die Strukturen des Vogelfluges fortsetzen und dessen Vorbildhaftigkeit für die Erfindung des Flugzeuges in Erinnerung ruft. Die suggestive Reflexion über die Bedeutung der vom Menschen unterschätzten Lebewesen für die eigene Existenz, die aus jahrtausendjährigem Überlegenheitsdünkel resultierenden Fehlleistungen in der sogenannten zivilisierten Gesellschaft thematisiert Jochen Lempert in immer fortschreiten Entwicklungen seiner Fotografie, des Umgangs mit der Fotografie, in dem er auch auf den Kenntnisstand und die Intensität von Forschung am Rande der linearen Entwicklung zurückgreift und diese weiterentwickelt, eindringt in unsere Reflexionen und dafür Bilder und Ausdrucksweisen findet, die auch emotional herausfordern.
> Text
zu der Ausstellung von Jochen Lempert |