In den Tropen gibt es keine geraden Linien
Es
ist noch nicht so viele Jahre her, da ließ man Künstler
sich halb zu Tode erklären, was denn ihre Werke nun bedeuten sollen.
So mancher Künstler fiel auf dieses Verlangen nach Erklärung herein,
bis allmählich bei den Künstlern selbst verstanden wurde, daß die
Frage nach der Bedeutung eines Werkes auf Zeitalter zurückgriff, in welchen
Darstellung und Bedeutung noch über Listungen festgehalten wurden: Die
weltliche Kunst hatte dies von der sakralen Kunst übernommen, die sakrale
Kunst übernahm es dann wieder von der weltlichen Kunst und so fort.
Die Zeitgenossen konnten ein Bild lesen wie eine Zusammenstellung von Nachrichten:
Das Bild des Adligen N.v.N. gab über Symbole und Attribute Auskunft über
Biographie, Rang und Zukunftsstrebungen; die Darstellungen der Ecclesia
triumphans fuhren alles zusammen, was es an Informationen zu Macht, Weltbeherrschung
und Ewigkeit gab.
Genie und Wandlung in den Künsten zeigten sich im Raffinement der großen
Meister, die eigenen Ideen und Auffassungen in symbolischen Szenerien darzustellen,
die inhaltlich nicht mehr einfach ablesbar waren.
Die Moderne ist dadurch gekennzeichnet, daß sie sukzessiv mit allen
einstmals geltenden Darstellungs-Bedeutungs-Bindungen brach und bricht.
Fortan ist Kunst nicht mehr an die Zwecke der weltlichen und kirchlichen
Herrscher gebunden, sondern hat sich aufgemacht, ein gesellschaftliches
Gespräch
zu betreiben. Dieses Unterfangen ist mit enormen Verständnisrisiken verbunden,
da Kunst nun ein Mediator zwischen Künstler und teilnehmender Gesellschaft
ist, da ein Verständnis nicht mehr einfach abgelesen werden kann, sondern
von allen Seiten einen Arbeitsaufwand abverlangt. Wir sprechen hier nicht von
einer Kunst, der es nur um einen schnellen Effekt geht, sondern von einer Kunst,
die in ihrer Darstellung mit einem komplex gebildeten Argument ein Gespräch,
also die Veränderung des bisher Dagewesenen eröffnet.
Wir werden uns also hüten, Gaida zu fragen, was denn nun die hier ausgestellten
Werke bedeuten sollen, da wir uns mit einem solchen Reflex als antiquiert und
denkfaul entlarven würden.
Es sei eingeräumt, daß es mit Gaidas Kunst ein Kreuz ist: Viele
unserer Zeitgenossen tun uns eine Art gefallen, ihre Werke auf den ersten Hinblick
als typisch zu erkennen. Der unverwechselbare Stil ist eine Freude
für den Galeristen und ein Schmeicheln des narzißtisch gesinnten
Kunstkenners in uns.
Aber was sollen wir Typisches ausmachen bei einem Mann, der uns
in unvorhersehbarer Abfolge mal ein Buch, eine Zeitschrift, Tafelbilder, Tafelbilder
und Buch vorstellt. Jedesmal ist es absolut nichts Typisches in den Präsentationen
- es ist jedesmal eine Überraschung unserer Wahrnehmungs- und Sehgewohnheiten.
Gibt es denn etwas Gemeinsames z.B. zwischen: Quasar - Untersuchungen in
der Unver-ständlichkeit; Zeitvertreib - Band I Alles suchen und NICHTS
finden, Band II Wo sind WIR stehengeblieben und dem heutigen
Unternehmen Fünf Sammler - Graphologische Portraits ?
Das Gemeinsame liegt nicht im Stil der Präsentationen,
es liegt im Stil der Wahrnehmung Gaidas, in seinem Stil gegen die Mitte Ideen
zu entwickeln.
In den Zeitschriften und Büchern versammelt Gaida ausgewählte Autorinnen
und Autoren - Autor verwende ich hier als Sammelbegriff für alle jeweils
beteiligten Disziplinen - zur Arbeit an einem Suchbild. Die Einzelbeiträge
komponiert Gaida wie musikalische Sequenzen, wie Gestaltungssequenzen in einem
nach allen Seiten hin offenen Rahmen, so daß auf diese Weise in den Lesern
und Betrachtern ein neues Wahrnehmungsinstrumentarium entsteht, über welches
sie sich selbst am von Gaida initiierten Gespräch beteiligen können:
Untersuchungen in der Verständlichkeit würden zu netten Kamingesprächen
führen; Untersuchungen in der Unverständlichkeit fordern von allen
Beteiligten, keine Angst vor dem Hinken und Stottern zu haben, das sich bei
dem Ver-Suchen im Umgang mit den Erfahrungslöchern in uns von der Sache
her naturgemäß ergibt.
Die Bücher und Bilder Gaidas haben eine vergleichbare Ästhetik, eine
vergleichbare Wahrnehmbarkeit: Das Präsentierte ist ein vielgerichteter
Auftakt, der einen Fächer von Rissen und Brüchen in die Wahrnehmung
hinein stellt. Es ist ein Genuß, sich diesem Instrumentarium auszuliefern.
Die Prämie ist, die überraschenden Wendungen im Umbruch der eigenen
Seh- und Wahrnehmungsgewohnheiten zu erleben, sich auf eine neue Gesprächsebene
gehoben zu sehen.
Fünf Sammler - Graphologische Portraits
Jetzt können wir sagen: Typisch Gaida !
Man nehme: Einen Sammler, pro-voziere ihn, eine Zeichnung zu machen, gehe mit
der Lupe eines Raster-Elektronenmikroskops ins Detail und stelle dies aufs
Tafelbild.
Das könnte jeder - wenn er es könnte, das Entstehende über eine
steuernde Idee an die ästhetischen Zügel zu nehmen.
Die steuernde Idee Gaidas geht von einer Situation, einem lebendigen Ensemble
aus. Eine Zeichnung ist die Spur einer persönlich gestaltenden Bewegung
- unverwechselbar individuell wie ein Fingerabdruck.
Die heute präsentierten Bilder sind Details dieser persönlich gestaltenden
Bewegungen. Der Blick durch das Raster-Elektronenmikroskop ist ein zutiefst
eindringlicher Blick ins Detail einer persönlich gestaltenden Bewegung
- ins Bild gehoben.
Die Bilder zeigen Übergänge eines individuell-menschlichen Bewegungsflusses;
der Auftakt zum Gespräch sind Enthüllungen, daß sich hinter
dem Flüchtigen der Bewegungen individuelle Kompositionen von Makrokosmen
ausbreiten.
Die Bilder zeigen eigentümlich Fragiles, wirken pfanzlich-biologisch -
nirgendwo findet sich eine fest definierte Linie von A nach B. Strukturen und
Zusammenhalt ergeben sich durch fließende Anlehnungen.
Wer sich mit der Realität menschlich-gesellschaftlicher Existenz befaßt,
muß sich an solche Unfestgelegtheiten gewöhnen.
Die tatsächliche Unfestgelegtheit unserer menschlichen Existenz hat in
der Ideologie unserer Zeit nur noch den Stellenwert eines nützlichen Fehlers,
der Programmsteuerungen verbessern hilft.
Im Siegeszug dieser Ideologie soll das lebendig Individuelle den Rang einer
fehlerhaft funktionierenden Puppe bekommen, die die unendliche Vielfalt menschlicher
Anlehnungen gegen die Eingliederung in eine paar Programme eintauschen soll.
Wie bei allen Ideologien liegt der Lohn für diese Selbstaufgabe in einer herrlichen
Zukunft, die allerdings seit Menschheitsbeginn noch keiner erlebt hat.
Das Programm im Computer kann massenhaft rechnen. Ein paar Dinge wird der
Computer nie können:
Träumen
Gegensätze genießen
Sprache in Neuschöpfung sterben lassen
Grenzen durchbrechen
Ideen haben
Miteinander auskämpfen und beglückt über
gemeinsame neue Erfahrungen sein
Verletzlich sein
Wenn Sie sich auf die Bilder Gaidas einlassen, werden Sie das alles finden.
Sprechen wir miteinander.
Vielleicht ist Gott unendlich klein?
> Text
zu der Ausstellung von Klaus G. Gaidaa
»Fünf Sammler - Graphologische Portraits«
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